30.11.2018
Neues Therapieverfahren bei dauerndem, schweren Sodbrennen im Brüderkrankenhaus St. Josef Paderborn

Paderborn. "Nach 25 Jahren habe ich jetzt wieder meine erste Apfelsine gegessen", sagt Uta Koch. Sie litt unter verstärktem und sehr schmerzhaftem Säurerückfluss aus ihrem Magen in die Speiseröhre. Was landläufig als Sodbrennen bezeichnet wird, nennen die Ärzte Reflux. Weil der Schließmuskel am Speiseröhrenausgang zum Magen nicht mehr richtig funktioniert, kommt es zu diesem Rückfluss, der häufig zu einer Entzündung der Speiseröhre führt. Im Brüderkrankenhaus St. Josef wird jetzt ein Verfahren angewandt, den Schließmuskel "in die Muckibude zu schicken" und ihn so wieder funktionsfähig zu machen.
"Meine Lebensqualität ist um 100 Prozent gestiegen", sagt die Patientin, bei der das Verfahren im Frühjahr dieses Jahres als eine der ersten angewandt wurde. Seitdem trainiert ein kleiner implantierter Stimulator ihren Magenschließmuskel 16 mal am Tag für jeweils 20 Minuten. Spüren tut sie davon nichts. Aber es hat ihr geholfen. Der Muskel ist nach rund einem halben Jahr wieder so kräftig hergestellt, dass er den Rückfluss aus dem Magen zuverlässig aufhalten kann. Auf die bislang in großen Mengen geschluckten Medikamente gegen den sauren Rückfluss kann sie inzwischen verzichten.
Zunehmend mehr Menschen leiden unter dieser medizinisch als Reflux (lateinisch für Rückfluss) bezeichneten chronischen Erkrankung, die sich im Anfangsstadium durch unangenehmes Brennen im Brustkorb äußert, in besonders schwereren Fällen aber auch zu Schluckbeschwerden, saurem Aufstoßen, Husten und bösartigen Folgeerkrankungen führen kann. Die Schleimhaut der Speiseröhre wird durch die ständigen Säureangriffe so stark gereizt, dass sich die Schleimhaut entzündet und krankhaft verändert. Häufig nehmen die Patienten schon über Jahre Medikamente zur Neutralisierung der Magensäure ein, die die eigentliche Ursache der Beschwerden aber nicht anpacken.
Privatdozentin Dr. med. Ricarda Diller, die als Chefärztin die neue Technik in der Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie des Brüderkrankenhauses eingeführt hat: "Der Neuromodulator ist in etwas so klein wie ein Herzschrittmacher. Er wird mittels eines minimalinvasiven Eingriffs durch winzige Schnitte im oberen Bauchraum eingesetzt. Diese sogenannte Schlüsselloch-Operation ist schonend und sehr risikoarm. Sie dauert etwa eine Stunde und verändert die Anatomie nicht. Nach rund einer Woche könne der Patient die Klinik bereits wieder verlassen."
Der Schrittmacher wird über zwei Elektroden mit der Außenwand des Speiseröhrenausgangs verbunden und gibt so seine Impulse ab, die die Nerven stimulieren und den Schließmuskel der Speiseröhre trainieren. Die Stärke und Frequenz der Stromimpulse lassen sich laut Dr. Diller über eine Art "Fernbedienung" jederzeit verändern. Hierfür sind regelmäßige Kontrolluntersuchungen vorgesehen. Begleitet werden die Patienten mit einem solchen Gerät in der Nachsorge nicht nur vom Krankenhaus sondern auch von Mitarbeitenden von dessen Herstellerfirma. Diese Begleitung kann oft Jahre dauern. Denn Geduld brauche man schon, sagt auch Patientin Uta Koch. Es sei nicht so, dass die Wirkung des Muskeltrainings sofort eintrete. Das habe bei ihr schon etwa ein halbes Jahr gedauert. Denn, so sagt sie, habe sie den Eingriff noch keinen Tag bereut.
Für diese neue Methode arbeiten die Ärzte der Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie im Brüderkrankenhauses eng mit Chefarzt Dr. med. Ulrich Pannewick der Klinik für Gastroenterologie und der Facharztpraxis im MVZ im MediCo zusammen, um für jeden Patienten den optimalen Behandlungsweg zu finden. Denn nicht immer ist sofort ein operativer Eingriff angezeigt. Erster Ansprechpartner bei chronischem Sodbrennen ist in jedem Fall ein Gastroenterologe, der alle weiteren Untersuchungen zur Abklärung durchführt.
